Ausgraben im Museum

Da aktuell alle Feldforschungen ausgesetzt sind, wird neben der Aufarbeitung der Daten die bisher gewonnen wurden, auch noch einmal nach den alten Ausgrabungen der Region geschaut. Dabei konnten wir nach einiger Literaturrecherche auch die Funde der Fundstellen von Flögeln und Hainmühlen im Landkreis Cuxhaven noch einmal genau betrachten. Da die Ausstellung im Museum Bad Bederkesa aktuell geschlossen ist konnten wir unsere Fotoausrüstung aufbauen und die Gefäße fotografieren. So können wir die Ergebnisse der 1960er Jahre unter dem Licht des neusten Forschungsstandes betrachten. Dies gibt uns die Möglichkeit den Zusammenhang der einzelnen Fundstellen der Trichterbecherkultur im Elbe-Weser-Dreieck zu verstehen. Seit vielen Jahren steht z.B. im Raum, ob es sich bei dem Grubenhaus aus Flögeln und dem Gebäudegrundriss aus Hainmühlen um Kulthäuser nach dänischem Vorbild handelt. Die Neubetrachtung der Funde und der Ausgrabungsdokumentation wird uns dabei sicher zu neuen Ergebnissen führen.

Aufnahme der Keramikgefäße aus Hainmühlen

Siedlungen der Trichterbecherkultur

Abb. 1: Das trichterbecherzeitliche Wandräbchenhaus 7617 aus Flögeln (Mennenga 2017).

Während über die Bestattungen der Steinzeit, vor allem über die Großsteingräber der Trichterbecherkultur, sehr viel bekannt ist, sieht es bei den Siedlungen sehr viel schlechter aus. Die meisten der als Siedlungsstellen angesprochenen Bereiche sind nur durch Oberflächenfunde bekannt. Finden sich eine große Ansammlung an Feuersteingeräten verschiedenster Art aber auch Mahl-, Schleif- und Klopfsteine wird oft davon ausgegangen, dass es sich um eine Siedlung handeln kann. Doch Befunde, also Reste von Gruben oder Hauspfosten sind kaum bekannt. Insgesamt sind etwa 100 Hausgrundrisse vom Früh- bis zum Jungneolithikum im Verbreitungsgebiet der Trichterbecherkultur bekannt (Müller 2013), von denen sich aber nur wenige in Nordwestdeutschland befinden. Allerdings lassen sich hier einige Besonderheiten aufzeigen. Denn in Niedersachsen gibt es eine spezielle Bauweise der sogenannten Wandgräbchenhäuser (Abb. 1). Bei diesen sind die Pfosten der Außen- und der Querwände in Gräben eingelassen und es handelte sich nicht um einige sehr starke Pfosten, sondern um viele eher kleinere. Diese Bauweise ist aus andere Regionen der Trichterbecherkultur nicht bekannt. Vergleiche der verschiedenen Fundstellen mit solchen Hausgrundrissen lassen jedoch erkennen, dass die Menschen von 5000 Jahren ihr Häuser bereits nach Bauplänen angelegt haben. So sind die Räume in den Häusern immer nach den gleichen Proportionen angelegt und es lassen sich vier Bereiche herausstellen (von denen aber nicht jedes Haus alle vorweisen muss). So gibt es zunächst einen offenen Werkbereich (Abb. 2 – Bereich 4). Darauf folgt der Wohnbereich, in dem vermutlich auch Essen zubereitet wurde (Abb. 2 – Bereich 3) und ein Bereich, dessen Nutzung aktuell unklar ist (Abb. 2 – Bereich 2). Zuletzt bleibt ein sehr kleiner Raum übrig der wohl eine rituelle Funktion hatte. Dort finden sich Deponierungen von Gefäßen und im Falle von Pennigbüttel ein Flachgrab (Abb. 2 – Bereich 1). Aktuell basiert das Wissen über die Siedlungen jedoch nur auf wenigen Hausgrundrissen und noch weniger ist in Nordwestdeutschland über das Leben in den Siedlungen bekannt, da nur sehr selten Kulturschichten mit Funden vorhanden sind. Ein solcher Fund, z.B. bei uns im Moor, könnte einen ganz neuen Blick auf das Leben in der Steinzeit  ermöglichen.

Abb. 2: Nutzungsbereiche der trichterbecherzeitlichen Häuser in Nordwestdeuschland (Mennenga 2017).

Winterblues im Januar…

Die kurzen und meist feuchten Wintertage laden nicht gerade zu Geländearbeiten ein – daher werden zurzeit die Daten des vergangenen Jahres ausgewertet. Zum Beispiel die zahlreichen Bohrungen. Insgesamt wurden bereits mehr als 600 Bohrungen durchgeführt. Die daraus gewonnenen Ergebnisse wie die Mächtigkeit der Torfschicht, die Tiefenlage des eiszeitlichen Untergrundes und die Verbreitung von alten Meeresablagerungen unter dem Torf sind in eine Datenbank eingegeben worden und können jetzt nach und nach in Kartenform dargestellt werden. Diese Prozedur dient dazu, die neolithische Landschaft zu rekonstruieren. Denn nichts sah damals so aus wie heute. Die Moorverbreitung fing gerade erst an und in die hügelige Landschaft aus Sand- und Lehmkuppen reichten tiefe Meeresbuchten, in die der Gezeitenstrom den Schlick transportierte und ablagerte. Im Bohrkern lässt sich diese Entwicklung ablesen und nach ausgiebigen Laboruntersuchungen auch datieren.

Erste wissenschaftliche Publikation zum Projekt

Zu der wissenschaftlichen Arbeit gehört natürlich auch das publizieren der Ergebnisse der Grabungen und Auswertung. Ein erster Artikel ist nun in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet (SKN)“ erschienen.

Behrens, A., Mennenga, M., Wolters, S. u. Karle, M. 2019: „Relikte im Moor“ – ein neues Projekt zur Erforschung der mittelneolithischen Landschaftsentwicklung im Ahlen-Falkenberger Moor, Ldkr. Cuxhaven. Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 42, 9–22.

Die typologische Methode

Das Puzzeln von Keramikscherben, wie es aktuell mit den Funden der Grabung gemacht wird, gleicht einem 3D-Puzzle. Allerdings mit dem Problem, dass ein Großteil der Teile fehlen. Wenn man jedoch etwas Glück und viel Geschick hat, lassen sich die Gefäße zumindest zu einem Teil rekonstruieren. Dies hilft dann die zeitliche Einordung durchzuführen. Dabei machen sich die Archäologen die Mode zu Nutze. Objekte, deren Form und Verzierung ändern sich im Laufe der Zeit. Hat man ein Handy vorliegen, so kann sicherlich jeder sagen, welches aus den 1990 Jahren und welches von heute ist. Diese Veränderungen treten in der Geschichte des Menschen schon immer auf. Dabei kann es sich um rein ästhetische Gründe (Verzierung auf Keramik), aber auch um funktionale handeln (Veränderung der Bronzebeile zur besseren Schäftung). Gerade bei der reichverzierten Keramik der Trichterbecherkultur lassen sich Veränderungen der Motive und Gefäßformen sehr gut erkennen und wurden für die Westgruppe von Anna Brindley zu einer typologischen Reihe – also einer zeitlichen Abfolge der Veränderungen zusammengestellt. In dieser suchen wir nun nach Vergleichen zu unseren Scherben und können über die Merkmale eine zeitliche Einordnung vornehmen.

Chronologietabelle der Trichterbecherkultur mit den Horizonten nach Anna Brindley (bunt). Quelle: Mennenga 2017