Die Großsteingräber von Wanna – wie sie ihren Weg in die Forschung fanden und was alles in ihnen steckt

Die mächtigen Grabstätten der Trichterbecherkultur wurden in der Zeit etwa zwischen 3600-3200 v. Chr. zu Tausenden in Nordeuropa errichtet. Auch in der Gemeinde Wanna sind heute noch eine Vielzahl dieser Anlagen erhalten – derzeit sind es 18. Die Gräber auf den Ahlener Geestinseln (Kronskark, Karlskirche) sowie das Großsteingrab am Postweg wurden bereits im 18. oder 19. Jahrhundert untersucht und ausgegraben, Unterlagen dazu existieren nicht. Bis auf das Grab vom Hohen Kopf, das 1963 für den Sandabbau abgetragen und vor der Schule in Wanna wieder aufgebaut worden ist, liegen sie heute frei im Gelände und vermitteln den Besuchern die imposante Erscheinung dieser Gräber. Alle weiteren Großsteingräber liegen im Moor und sind erst im letzten Jahrhundert bekannt geworden. Eine Sichtung und erste Aufnahme erfolgte in den 30er Jahren durch Ernst Sprockhoff, der es sich damals zur Aufgabe machte, alle bekannten Großsteingräber Norddeutschlands zu kartieren und zu beschreiben. Bei den Gräbern von Wanna erhielt er dabei kräftige Unterstützung durch dem späteren Heimatpfleger Konrad Schäfer, der seine Aufzeichnungen zur Verfügung stellte. Er war es auch, der die Anlagen erstmal katalogisierte und Beschreibungen, Vermessungen und Fotografien anfertigte. Bei den Ausgrabungen am Hohen Kopf assistierte er den Wissenschaftlern vom Institut für Marschen- und Wurtenforschung. Mit seinem Nachfolger Hans Aust blieb das Interesse an den trichterbecherzeitlichen Hinterlassenschaften erhalten. Er meldete in den 1972 ein weiteres Grab bei Ahlen-Falkenberg und fügte es in das Inventar der Landkreisarchäologie ein. Im Rahmen der geomagnetischen Messungen wurden zu Beginn des Jahres zwei weitere Gräber identifiziert.

Abgesehen von den Untersuchungen vom „Hohen Kopf“, bei dem es sich um ein bereits stark gestörtes Grab handelte, sind die Anlagen weites gehend unerforscht. An den freigelegten Großsteingräbern können der Grabtyp (Ganggräber) und die Maße bestimmt werden. Dies ist bei den im Moor liegenden Anlagen nur bedingt möglich – sofern Decksteine herausschauen, können die Ausrichtung des Grabes und der Typ ermittelt werden. Ausgrabungen in weiten Bereichen Norddeutschlands haben in den letzten Jahren erbracht, dass die Megalithgräber der Trichterbecherkultur häufig für mehrere Jahrhunderte genutzt wurden und dabei sowohl äußerlich als auch im Inneren verändert wurden. Mit modernen Datierungsmethoden ist es sogar möglich, verschiedene Nutzungshorizonte, von der Errichtung bis zur Aufgabe des Grabes, zu bestimmen. Solche Untersuchungen fehlen bislang im Elbe-Weser-Dreieck. Da es sich bei den im Moor liegenden Anlagen von Wanna um vermutlich ungestörte Gräber handelt, sind hier weitreichende Erkenntnisse zum Grabbau und zur –entwicklung zu erwarten. Möglichweise lassen sich folgende Fragen beantworten: Wann und wo wurden die Gräber errichtet? Wie aufwendig war der Grabbau und wie viele Menschen müssten daran mitgewirkt haben? Konnte dies von einer Gemeinschaft gestemmt worden sein, oder kamen mehrere Gemeinschaften zusammen? Wie lange wurde das Grab genutzt und in welcher Form? Gibt es Unterschiede im Grabbau innerhalb der Grabgruppe von Wanna?  Damit lassen sich wichtige Rückschlüsse auf die Gesellschaftsstruktur der Trichterbecherkultur ziehen, die für das Elbe-Weser-Dreieck noch ausstehen.

Die Suche nach den ersten Bauern im Elbe-Weser-Dreieck

Vor etwa 6000 Jahren war es in Nordeuropa soweit, dass sich die Lebensweise der Menschen radikal umstellte – aus Jäger und Sammlern wurden Bauern. In der Fachwelt spricht man bei diesem Prozess von Neolithisierung, der den Übergang von der Mittel- zur Jungsteinzeit markiert. Dieser Vorgang dauerte sehr lang und es wird in der Forschung immer noch diskutiert, wie sich dieser vollzogen hat. In Mitteldeutschland lebten die Gesellschaften bereits seit über 1000 Jahren von Ackerbau und Viehzucht. Es wird angenommen, dass durch enge Kontakte zwischen den Menschen in Mittel- und Norddeutschland diese Lebensweise stückweise nach und nach übernommen wurde. Mit der Entwicklung des Pflugs, damals aus Holz gebaut, stand dem Getreideanbau nichts mehr im Wege. Hinweise auf erste Anpflanzungen und -nutzung liegen aus zahlreichen See- und Moorprofilen Norddeutschlands vor, in denen Pollen von Getreide ab etwa 4000/3900 v. Chr. entdeckt wurden. Im selben Zuge wurden umfangreich Wälder gerodet, um die Böden nutzbar zu machen und Flächen für Siedlungsplätze zu schaffen. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten domestizierten Tiere, wie Rind und Schwein, deren Knochen in ausgegrabenen Siedlungen gefunden wurden. Einhergehend mit dieser Entwicklung stellten die Menschen in großem Umfang Keramikgefäße her, die sie zum Kochen und Aufbewahren nutzten. Keramik gab es bereits bei den Jäger- und Sammlern, jedoch weist diese eine geringe Formvielfalt und zumeist schlechte Qualität auf. In der beginnenden Jungsteinzeit entwickelte sich nun ein breites Formenspektrum mit aufwendigen Verzierungen. Dabei gab es eine Gefäßform, die überall in Norddeutschland, aber auch in Dänemark, Schweden und Teilen von Polen und den Niederlanden, auftrat – der Trichterbecher. Aus diesem Grund spricht man bei den ersten Bauern von der Trichterbecherkultur. Typisch für diese Kultur waren außerdem polierte Feuersteinbeile und querschneidige Pfeilspitzen. Etwa um 3600 v. Chr. war die Neolithisierung in Norddeutschland abgeschlossen und feste Gesellschaftsstrukturen entwickelten sich. In dieser Zeit fingen die Menschen auch an, Großsteingräber für ihre Toten zu errichten.  

Rekonstruktion der Siedlungslandschaft im Oldenburger Graben (S-H, in Brozio 2016), Zeichnung: S. Beyer (Univ. Kiel)

Der Neolithisierungsprozess im Elbe-Weser-Dreieck ist bis heute weites gehend unbekannt. Aus den benachbarten Regionen westlich der Weser und vor allem Schleswig-Holsteins liegen bereits umfangreiche Studien hierzu vor – das kleine Gebiet dazwischen stellt jedoch eine Forschungslücke dar. Dies ist besonders bedauernswert, da es sich hier um ein Überlappungsbereich unterschiedlicher später Jäger-Sammler-Kulturen handelt – im Osten die Ertebølle Kultur, im Westen die Swifterbant Kultur. Auch in der Jungsteinzeit bleibt diese besondere Rolle erhalten, als dass hier ein Interaktionsraum zwischen der Nord- und Westgruppe der Trichterbecherkultur und der Altmärkischen Gruppe aus dem Süden besteht.

Dieses Forschungsdesiderat ist mit der Landschaftsgenese im Elbe-Weser-Dreieck zu begründen. Auf den Geestböden bleiben steinzeitliche Befunde, wie Verfärbungen von Gruben oder Pfostenlöchern, kaum erhalten, da in den sandigen Böden die vom Menschen eingebrachten, humos angereicherten Erden vom Regen ausgewaschen werden. In den Marschen werden, durch den ständigen Einfluss des Wassers, die Siedlungsschichten verlagert und überdeckt. Das meiste Potenzial birgt sich in den Mooren, die teilweise erst im Verlauf, oder nach der Jungsteinzeit die trichterbecherzeitlichen Hinterlassenschaften überlagerten. Mit den Untersuchungen im Rahmen des Projektes soll nun die Zeitkapsel vom Ahlen-Falkenberger Moor geöffnet und neue Einblicke in die Entwicklung der Trichterbecherkultur ermöglichen.

Neue Gräber beim Kleinen Ahlen

Durch die ersten Ausgrabungen und Bohrungen konnten einige der Bereiche untersucht werden, die in den Geomagnetikbildern Hinweise auf archäologische Strukturen gaben. Zwar konnten bisher keine gesicherten Siedlungsplätze gefunden werden, aber dafür konnten mindestens drei der ca. 5000 Jahre alten Megalithgräber entdeckt werden. Eines war vor Ort bekannt, für die Denkmalpflege und die Archäologie ist es jedoch neu. Auf dem Foto sieht man das durch Landwirtschaft leicht gestörte Grab. Zusätzlich konnten zwei Stellen ausfindig gemacht werden, an denen sich weitere Gräber befinden. Zunächst konnten wir die Steine durch Bohrungen eingrenzen, im Sommer soll dann noch einmal ganz genau überprüft werden, um was es sich handelt.

Eine Verfärbung mit 5,30m Durchmesser zeigt im Geomagnetikbild ein neues Megalithgrab beim Kleinen Ahlen.

Auch die botanischen und geologischen Arbeiten beginnen

Parallel zu den Ausgrabungen finden auch die ersten Bohrungen zur Beprobung des Moores und zur Ansprache der abgelagerten Schichten statt. Hatten die ersten Bewohner hier mit Meereseinbrüchen zu kämpfen und zu welchen Zeiten fanden diese statt? Auskunft darüber geben zum einen die Sedimente, die sich im Boden befinden; haben sich See- oder Meeressedimente abgelagert? Und zum Anderen die organischen Bestandteile des Moores. Pollenkörner verschiedener Pflanzen die im Moor eingeschlossen sind erhalten sich über Jahrtausende und lassen sowohl auf die Vegetation, als auch auf das Alter des Moores in den verschiedenen Tiefen schließen. Es lässt sich also feststellen wann wo das Moor entstanden ist.

Aus bis zu acht Metern Tiefe konnten nun die ersten Proben gesammelt werden, die im Anschluss im Institut in Wilhelmshaven genauer untersucht werden.


Erste Ausgrabungen laufen

Seit Montag laufen nun die ersten Sondagegrabungen im Moor. Mit einem Minibagger werden kleine Suchschnitte an den Stellen angelegt, an denen in den Geomagnetikbildern Objekte zu erkennen sind, die auf menschlichen Einfluss hindeuten. Gruben oder Reste von Bebauung konnten bisher nicht gefunden werden, aber einige Feuersteinartefakte zeigen, dass Menschen zur Steinzeit dort waren. Die Suche geht weiter!

Das Projektteam

Untersuchungen wie wir sie vorhaben sind natürlich nur in einem Team möglich. Dazu arbeiten Wissenschaftler*innen und Techniker unseres Instiutes zusammen.

Von links nach rechts:

Von oben nach unten