Der Gang zu den Toten

Wie im letzten Jahr untersuchen wir derzeit an einem Großsteingrab den Eingangsbereich, in dem wir diesen zur Hälfte ausgraben. Letztes Mal fanden sich auf dem Bodenpflaster zahlreiche Keramikscherben, die die mehrfache Nutzung und Ausräumung der Anlage bezeugen. Interessanterweise war der Eingang intentionell mit Steinen verschlossen worden, vermutlich bereits zur Zeit der Trichterbecherkultur. Bei den jetzigen Untersuchungen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. In den obersten Abträgen lag der Eingang voll gepackt mit Steinen, der hier nur ein Trägersteinpaar aufweist. Im weiteren Arbeitsverlauf zeigt sich jedoch, dass die meisten Steine von der angrenzenden Rollsteinpackung stammen. Diese sind reingefallen, als das einst gebaute zweite Trägersteinpaar entfernt wurde. Auch die Decksteine des Eingangs fehlen. Ob diese massiven Findlinge bereits im Neolithikum versetzt wurden oder in nachfolgender Zeit, muss soweit noch offen bleiben.

Interessant sind auch die Bereiche vor dem Eingang. Altgrabungen in verschiedensten Regionen Norddeutschlands haben gezeigt, dass hier häufig sowohl Gruben für ausgeräumte Beigaben als auch solche für rituelle Aktivitäten anzutreffen sind. Umfassende Untersuchungen hierzu fehlen allerdings. Im kommenden Jahr wollen wir die Gelegenheit nutzen, um den Eingangsbereich eines Großsteingrabes großflächig freizulegen. Hierdurch können Fragen zu Nutzungsphasen und weitreichendere Bestattungssitten beleuchtet werden.

Einen ersten zufälligen Einblick haben wir aber bereits letzte Woche erhalten, als vor dem Eingang des Wiesengrabes ein Feuersteinbeil zu Tage kam. Das Artefakt lag am Rand einer kleinen Schüttung von Feuersteinen und scheint dort intentionell platziert worden zu sein. Weiteren Aufschluss werden wir durch die weiterführenden Arbeiten in dieser Woche erhalten. Vom Typ her handelt es sich um ein dünnackiges Beil des Mittelneolithikums.

Vor dem Eingang des Wiesengrabes gefundenes Flachbeil der Trichterbecherkultur.

Die Leere zwischen den Gräbern?

Seit drei Wochen untersuchen wir nun zwei Ganggräber der Trichterbecherkultur und erfahren immer mehr über die einstigen Bestattungssitten. Doch wie sieht es mit den Bereichen zwischen den stellenweise mehr als 400 m auseinanderliegenden Grabstätten aus? Fanden hier auch Rituale statt? Wurde dort gesiedelt, oder entnahmen die Grabbauer hier das Material für die Monumente?

Lage des Schnittes zur Prüfung von menschlichen Aktivitäten zur Zeit der Nutzung der benachbarten Großsteingräber.

Um dies zu klären, haben wir einen Suchschnitt angelegt. Bei den Bohrungen zeichneten sich in diesem Bereich ungewöhnliche Schichfolgen ab. Mittlerweile konnten wir feststellen, dass hier mehrere Ereignisse stattgefunden haben. So wurde an dieser Stelle einst Sand abgegraben, bevor das Moor gewachsen ist. Zudem deuten mehrere darunter liegende Verfärbungen auf weitere Aktivitäten hin, die sich jedoch aufgrund von Bodenverlagerungsprozessen noch nicht befriedigend interpretieren lassen. Bodenkundliche Analysen und weitere Ausgrabungen sollen hier Abhilfe schaffen.

Pollenprofile für die Landschaftsentwicklung

Zur Zeit laufen die Ausgrabungen in Ahlen-Falkenberg an zwei Ganggräbern der Trichterbecherkultur. Neben den archäologischen Fragestellungen geht es uns im Projekt zudem um die landschaftliche Entwicklung. Wie sah die Umgebung zur Zeit der Trichterbecherkultur aus? Wie lange waren die Gräber begeh- und nutzbar? Wann wurde es feucht und wann begann das Moor am Grab zu wachsen? Um diese Fragen beantworten zu können, nimmt unser Botaniker Steffen Wolters derzeit Pollenprofile am Fuße der Gräber. Im Labor werden die botanischen Reste in den einzelnen Schichten bestimmt und stellenweise datiert.

Das Pollenprofil wird direkt am Fuß der Steinpackung entnommen.

Das besterhaltenste Grab von Ahlen-Falkenberg

Die trichterbecherzeitlichen Gräber von Ahlen-Falkenberg liegen sowohl auf den Gestinseln des Großen und Kleinen Ahlen, oder schauen bereits obertägig, wenn z.T. auch nur minimal, aus den Wiesen der Moorflächen heraus. Die meisten weisen umfangreiche Eingriffe und Störungen auf. Eines jedoch liegt direkt in einem Drainagegraben, ca. 30 cm unterhalb der Oberfläche. Dieses Grab legen wir seit zwei Wochen frei, wobei es sich als die bislang besterhaltenste Anlage entpuppt hat. Obwohl ein Deckstein bereits fehlt, der vermutlich beim Anlegen des Grabens entfernt wurde, sind umfangreiche Architekturelemente erhalten. So ist es das einzige Grab mit einem erhaltenen Deckstein über dem Eingang. Auch die schützende Rollsteinpackung, die auch hier wieder gebaut wurde, weist viele Details auf, die bei den anderen bislang untersuchten Anlagen nicht mehr erhalten sind. U.a. reicht die Steinpackung bis auf die Decksteine – ein einmaliger Beweis dieser Konstruktion. Zudem scheinen die Lücken zwischen Deck- und Trägerstein zusätzlich mit kleinen Rollstein geschlossen worden zu sein. In den kommenden Tagen gehen die Untersuchungen weiter und wir hoffen auf weitere spannende Erkenntnisse.

Das Ganggrab im Drainagegraben von Ahlen-Falkenberg mit freigelegter Rollsteinpackung. Zu erkennen sind zudem die drei noch erhaltenen Decksteine.

Alles reiht sich ein

Am Montag, dem 7.9.2020, startete die 2. Ausgrabungskampagne und wir haben direkt am ersten Großsteingrab mit den Arbeiten begonnen. Mitten auf den Wiesen östlich vom Kleinen Ahlen schimmern drei Decksteine unscheinbar aus dem Moor hervor – das Grab wurde erst 2016 entdeckt. Nun gilt es herauszufinden, wie der Erhaltungszustand des Grabes ist und welche architektonischen Elemente es aufweist, um die Fundstelle mit den bereits Bekannten vergleichen zu können.

Nachdem wir nun die ersten 30-40 cm abgetragen haben ist die Unterkante der Decksteine immer noch nicht erreicht, aber ein Ganggrab mit vier Decksteinen zeichnet sich bereits ab. Der westlichste Deckstein, der größte und imposanteste von allen, ist leider seitlich verlagert – vor einiger Zeit schon muss er halb in die Grabkammer gerutscht sein. In einem Bereich konnten wir zudem den Beginn einer Steinpackung freilegen, die vermutlich dieses Grab umgibt und schützt – ähnlich wie bei dem Ganggrab der letzten Grabungskampagne.

Mit diesen ersten Beobachtungen ist zumindest bereits eines klar – dieses Ganggrab ist ähnlich konstruiert wie die anderen Anlagen von Ahlen-Falkenberg und reiht sich wunderbar in die Einheitlichkeit der Grabgruppe ein – auch die annähernde O-W-Ausrichtung stimmt überein.

In den nächsten Tagen wird das Grab stellenweise weiter freigelegt, um die oben genannten Fragestellungen eingehender beantworten zu können. Der Kammerinnenraum wird diesmal nicht untersucht.

Die Grasnarbe wird abgetragen und die ersten Decksteine werden freigelegt.

Grabungen im September

Die Vorbereitungen laufen, im Spetember können wir endlich wieder loslegen. Vom 7.9. bis 2.10.2020 werden wir mit kleiner Mannschaft im Ahlen-Falkenberger Moor unterwegs sein. Zu finden sind wir hauptsächlich auf den östlich angerenzenden Wiesen vom Ortskern, Höhe des „Karlskirche“-Grabes. Öffentliche Führungen können wir leider aufgrund der Corona-Situation in diesem Jahr nicht anbieten. Wer jedoch einfach mal schauen will, ist willkommen vorbeizukommen unter Einhaltung der Abstandsregelung.

Im Juni/Juli waren unsere Grabungstechniker bereits im Feld und konnten weitere über 150 ha des Untersuchungsgebietes geomagnetisch prospektieren. Damit sind 2/3 geschafft.

Unser Geomagnetikmessgerät auf den frisch gemähten Wiesen von Ahlen-Falkenberg.

Im September geht es weiter

Nachdem im März unsere Ausgrabungen und weiteren Untersuchungen nicht statt finden konnten, planen wir nun im September im kleinen Rahmen unsere Forschungen im Feld fortzusetzen. Dazu möchten wir einen möglichen Siedlungsbereich sowie zwei obertägig sichtbare Großsteingräber genauer untersuchen. Weiterhin werden die Bohrungen fortgesetzt. Das schöne Wetter des Sommers soll auch für geomagnetische Prospektionen genutzt werden.

Öffentliche Führungen werden wir nur eingeschränkt anbieten können. Das Vorgehen und Termine geben wir rechtzeitig bekannt.

Großsteingräber im Vergleich

Um das gesellschaftliche Gefüge vergangener Kulturen besser nachvollziehen zu können, bedient sich die Archäologie des Vergleichs. So werden beispielsweise bei Bestattungen einer Kulturgruppe die unterschiedlichen Ausprägungen des Grabbaus und der Beigaben gegenübergestellt, um Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten und damit Muster zu erkennen. Auf diese Weise lassen sich ggf. geschlechtliche, soziale und auch räumliche Ausprägungen belegen. Sie erlauben Rückschlüsse über Gesellschaftsstrukturen innerhalb einer Gemeinde, Region und im überregionalen Vergleich. Für die Trichterbecherkultur sind diese Erkenntnisse von enormer Wichtigkeit, da nur wenige Hinterlassenschaften dieser Menschen bis heute erhalten geblieben sind. In den letzten Jahren wurden deshalb für mehrere Regionen Norddeutschlands solche Vergleiche vorgenommen. Dadurch konnten häufig nicht nur eine langjährige und immer wiederkehrende Nutzung der Bestattungsplätze belegt , sondern auch überregionale Kontaktbeziehungen nachgewiesen werden.

Im Rahmen unseres Projektes wollen wir dies auch an den Großsteingräbern des Elbe-Weser-Dreiecks prüfen. Da diese Region einen Überlappungsbereich der großen Trichterbecher Nord- und Westgruppen darstellt, lassen sich hiermit vielleicht Fragen zur Zugehörigkeit oder auch möglichen regionalen Eigenständigkeit beantworten. Dazu werden derzeit alle Angaben aus der Literatur, der Datenbasis der Kreisarchäologie Cuxhaven sowie der Landesdatenbank zusammengetragen. Somit werden auch Gräber erfasst, die heute bereits zerstört sind, wodurch die einstige Bestattungslandschaft besser nachvollziehbar wird. Hierbei erfolgt zunächst eine Qualifizierung der Daten zu den Gräbern (Genauigkeit der Angaben, Lage, Erhaltungszustand). Außerdem werden topografische und historische Umstände berücksichtigt (Lage im Moor, auf der Geest; erfolgten Untersuchungen, Raubgrabungen?). Der wichtigste Aspekt sind natürlich jedoch die Angaben zu den Gräbern selbst: Grabtyp (Ganggrab, Polygonaldolmen,…), Himmelsausrichtung der Anlage, äußere Konstruktionen (Hügel, Langbett), metrische Daten der Gräber (Maße der Grabkammer, der Außenkonstruktion), Anzahl der Decksteine, Grabkonstruktionen (z.B. Steinpackungen). Sofern Funde erwähnt werden, erfolgt auch hier ein Vermerk. Diese Daten können dann statistisch ausgewertet, sowie die räumliche Verteilung einzelner Merkmale in einem GIS dargestellt werden.

Derzeit befinden wir uns mitten in der Datenaufnahme. Sobald diese abgeschlossen ist, kann die Auswertung losgehen. Erste Zwischenergebnisse zeichnen sich bereits ab. So lassen sich einzelne Bestattungsgruppen, wie die von Ahlen-Falkenberg, herausstellen und von anderen Gruppen abgrenzen (Abb. 1). Die Ergebnisse fließen in die Endpublikation des Projektes ein und werden in Form eines Katalogs zur Verfügung gestellt.

Landschaft der Region Wanna/Flögeln mit bekannten Großsteingräbern. Gut abgrenzbare Grabgruppen sind grau hinterlegt.