Siedlungen der Trichterbecherkultur

Abb. 1: Das trichterbecherzeitliche Wandräbchenhaus 7617 aus Flögeln (Mennenga 2017).

Während über die Bestattungen der Steinzeit, vor allem über die Großsteingräber der Trichterbecherkultur, sehr viel bekannt ist, sieht es bei den Siedlungen sehr viel schlechter aus. Die meisten der als Siedlungsstellen angesprochenen Bereiche sind nur durch Oberflächenfunde bekannt. Finden sich eine große Ansammlung an Feuersteingeräten verschiedenster Art aber auch Mahl-, Schleif- und Klopfsteine wird oft davon ausgegangen, dass es sich um eine Siedlung handeln kann. Doch Befunde, also Reste von Gruben oder Hauspfosten sind kaum bekannt. Insgesamt sind etwa 100 Hausgrundrisse vom Früh- bis zum Jungneolithikum im Verbreitungsgebiet der Trichterbecherkultur bekannt (Müller 2013), von denen sich aber nur wenige in Nordwestdeutschland befinden. Allerdings lassen sich hier einige Besonderheiten aufzeigen. Denn in Niedersachsen gibt es eine spezielle Bauweise der sogenannten Wandgräbchenhäuser (Abb. 1). Bei diesen sind die Pfosten der Außen- und der Querwände in Gräben eingelassen und es handelte sich nicht um einige sehr starke Pfosten, sondern um viele eher kleinere. Diese Bauweise ist aus andere Regionen der Trichterbecherkultur nicht bekannt. Vergleiche der verschiedenen Fundstellen mit solchen Hausgrundrissen lassen jedoch erkennen, dass die Menschen von 5000 Jahren ihr Häuser bereits nach Bauplänen angelegt haben. So sind die Räume in den Häusern immer nach den gleichen Proportionen angelegt und es lassen sich vier Bereiche herausstellen (von denen aber nicht jedes Haus alle vorweisen muss). So gibt es zunächst einen offenen Werkbereich (Abb. 2 – Bereich 4). Darauf folgt der Wohnbereich, in dem vermutlich auch Essen zubereitet wurde (Abb. 2 – Bereich 3) und ein Bereich, dessen Nutzung aktuell unklar ist (Abb. 2 – Bereich 2). Zuletzt bleibt ein sehr kleiner Raum übrig der wohl eine rituelle Funktion hatte. Dort finden sich Deponierungen von Gefäßen und im Falle von Pennigbüttel ein Flachgrab (Abb. 2 – Bereich 1). Aktuell basiert das Wissen über die Siedlungen jedoch nur auf wenigen Hausgrundrissen und noch weniger ist in Nordwestdeutschland über das Leben in den Siedlungen bekannt, da nur sehr selten Kulturschichten mit Funden vorhanden sind. Ein solcher Fund, z.B. bei uns im Moor, könnte einen ganz neuen Blick auf das Leben in der Steinzeit  ermöglichen.

Abb. 2: Nutzungsbereiche der trichterbecherzeitlichen Häuser in Nordwestdeuschland (Mennenga 2017).

Die Suche nach den Siedlungen

Die Bestattungslandschaft der Trichterbecherkultur lässt sich für das Ahlen-Falkenberger Moor mittlerweile ganz gut nachvollziehen. Zum einen sind zahlreiche Anlagen obertägig sichtbar, zum anderen können wir mit Hilfe der geomagnetischen Messung überdeckte Gräber lokalisieren. Schwieriger gestaltet sich die Suche nach den Siedlungen. Von den herausschauenden Geestinseln sind kaum Oberflächenfunde bekannt, die auf größere Siedlungsareale schließen lassen. Aus den vom Moor abgedeckten Bereichen liegen gar keine Hinweise vor. Wie können wir nun Siedlungen finden?

Wir wissen, dass die Oberfläche in der Steinzeit ganz anders aussah als heute, da das Moorwachstum noch nicht so fortgeschritten war. Wir wissen auch, dass die frühen Trichterbechergesellschaften gern nahe des Wassers sowie der Totenstätten siedelten und somit Siedlungsflächen innerhalb des Ahlen-Falkenberger Moores zu vermuten sind. Um diese aufzuspüren, wurden im letzten Jahr großflächig Bohrungen durchgeführt, wodurch im westlichen Untersuchungsbereich Siedlungsschichten entdeckt werden konnten. Im Frühjahr wollen wir diesen Bereich nun archäologisch untersuchen und dazu zwei Schnitte öffnen. Einerseits gilt es die Schichten zu datieren und kulturell einzuordnen, andererseits wollen wir den Erhaltungszustand prüfen. Gibt es hier noch konservierte Holzpfosten, oder sonstige organische Konstruktionen? Im Magnetogramm sind zahlreiche Anomalien zu erkennen, die möglicherweise mit der Siedlung zusammen hängen. Sollte es sich im Ergebnis um eine trichterbecherzeitliche Siedlung handeln, sind im September umfangreichere Ausgrabungen vorgesehen.

Die Arbeiten gehen weiter

Mit neuem Schwung setzen wir die Arbeiten fort. Nach dem ein erster wissenschaftlicher Artikel veröffentlich worden ist, sind wir ab Februar wieder im Gelände. Zunächst sollen die geomagnetischen Messungen fortgesetzt (über die Hälfte ist geschafft) und zusätzlich Bohrungen vorgenommen werden. Die Bohrungen dienen zur Einschätzung alter Bohrdaten vom LBEG. Durch die starke Moorsackung in den letzten Jahrzehnten stimmen die Oberflächenwerte nicht mehr mit den heutigen überein und müssen abgeglichen werden, damit die alten Daten in die neuen Auswertungen mit eingebunden werden können.

Vom 23.3. – 9.4. setzen wir außerdem unsere Ausgrabungen fort. An der Ecke Seestraße in Ahlen-Falkenberg wird der 2019 entdeckte, kreisrunde „Steinhaufen“ vollständig untersucht. Öffentliche Führungen werden wieder wöchentlich, immer mittwochs um 15 Uhr, angeboten. Wir freuen uns über viele Interessierte.

StudentInnen beim Freilegen des Steingrabes im Sommer 2019.

Winterblues im Januar…

Die kurzen und meist feuchten Wintertage laden nicht gerade zu Geländearbeiten ein – daher werden zurzeit die Daten des vergangenen Jahres ausgewertet. Zum Beispiel die zahlreichen Bohrungen. Insgesamt wurden bereits mehr als 600 Bohrungen durchgeführt. Die daraus gewonnenen Ergebnisse wie die Mächtigkeit der Torfschicht, die Tiefenlage des eiszeitlichen Untergrundes und die Verbreitung von alten Meeresablagerungen unter dem Torf sind in eine Datenbank eingegeben worden und können jetzt nach und nach in Kartenform dargestellt werden. Diese Prozedur dient dazu, die neolithische Landschaft zu rekonstruieren. Denn nichts sah damals so aus wie heute. Die Moorverbreitung fing gerade erst an und in die hügelige Landschaft aus Sand- und Lehmkuppen reichten tiefe Meeresbuchten, in die der Gezeitenstrom den Schlick transportierte und ablagerte. Im Bohrkern lässt sich diese Entwicklung ablesen und nach ausgiebigen Laboruntersuchungen auch datieren.

Erste wissenschaftliche Publikation zum Projekt

Zu der wissenschaftlichen Arbeit gehört natürlich auch das publizieren der Ergebnisse der Grabungen und Auswertung. Ein erster Artikel ist nun in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet (SKN)“ erschienen.

Behrens, A., Mennenga, M., Wolters, S. u. Karle, M. 2019: „Relikte im Moor“ – ein neues Projekt zur Erforschung der mittelneolithischen Landschaftsentwicklung im Ahlen-Falkenberger Moor, Ldkr. Cuxhaven. Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 42, 9–22.

Frohe Feiertage

Kaum zu glauben, aber das erste Projektjahr ist fast um. In der Rückschau sind wir zugegebener maßen sehr zufrieden mit allem was wir geschafft haben: die geomagnetischen Prospektionen und Ausgrabungen, die neue Einblicke zu den Großsteingräbern im Ahlen-Falkenberger Moor ergaben; großflächige Bohrungen, botanische Analysen und geologische Auswertungen erlauben erste Modellrechnungen zur Landschaftsrekonstruktion. Am erfreulichsten ist in unseren Augen jedoch der große Zuspruch der Öffentlichkeit – von Ihnen! Viele Interessierte kamen zu den Vorträgen, besuchten die Ausgrabungen und verfolgten unsere Arbeiten über die Presse und diesen blog. Außergewöhnlich ist zudem die große positive Offenheit der ortsansässigen Bevölkerung und der Behörden gegenüber unserem Projekt! Wir möchten allen dafür danken, dass wir Ihnen die Archäologie näher bringen dürfen und wünschen frohe Feiertage sowie einen erfolgreichen Start ins nächste Jahrzehnt!

Still ruht auch der Trichterbecher über die Feiertage.

Im nächsten Jahr geht es weiter mit zwei Ausgrabungskampagnen (März und September), jeder Menge Bohrungen und geomagnetischen Messungen. Die Feldarbeiten sollen im kommenden Jahr weitesgehend abgeschlossen werden.

Die typologische Methode

Das Puzzeln von Keramikscherben, wie es aktuell mit den Funden der Grabung gemacht wird, gleicht einem 3D-Puzzle. Allerdings mit dem Problem, dass ein Großteil der Teile fehlen. Wenn man jedoch etwas Glück und viel Geschick hat, lassen sich die Gefäße zumindest zu einem Teil rekonstruieren. Dies hilft dann die zeitliche Einordung durchzuführen. Dabei machen sich die Archäologen die Mode zu Nutze. Objekte, deren Form und Verzierung ändern sich im Laufe der Zeit. Hat man ein Handy vorliegen, so kann sicherlich jeder sagen, welches aus den 1990 Jahren und welches von heute ist. Diese Veränderungen treten in der Geschichte des Menschen schon immer auf. Dabei kann es sich um rein ästhetische Gründe (Verzierung auf Keramik), aber auch um funktionale handeln (Veränderung der Bronzebeile zur besseren Schäftung). Gerade bei der reichverzierten Keramik der Trichterbecherkultur lassen sich Veränderungen der Motive und Gefäßformen sehr gut erkennen und wurden für die Westgruppe von Anna Brindley zu einer typologischen Reihe – also einer zeitlichen Abfolge der Veränderungen zusammengestellt. In dieser suchen wir nun nach Vergleichen zu unseren Scherben und können über die Merkmale eine zeitliche Einordnung vornehmen.

Chronologietabelle der Trichterbecherkultur mit den Horizonten nach Anna Brindley (bunt). Quelle: Mennenga 2017

Puzzelarbeit bei den Archäologen

Die Keramikscherben werden nach dem Waschen beschriftet und anschließend nach Passstücken gesucht.

In der Zeit nach der Ausgrabung gilt es u.a. das Fundmaterial zu sichten. Hierzu werden die Fundstücke gewaschen und beschriftet. Die Bernsteinperlen müssen zudem konserviert werden. Das besonsdere bei Keramikscherben ist, dass fleißges puzzeln sich hier lohnen kann. Aus dem Ganggrab haben wir einerseits mehrere einzelne kleine Scherben finden können, die z.B. zu der Schale passen (im Hintergrund). Richtige Frikelarbeit leisten wir aber bei den Funden aus dem Eingangsbereich. Durch das mehrfache Betreten des Grabes und Rausräumen der Kammerbeigaben, sind mehrere Gefäße stark zertreten worden. Uns interessiert, wieviel Gefäße es sind und welche Form und Verzierungen sie haben. So können wir abschätzen, ob sie aus einer Nutzungsphase des Grabes stammen. Oder variieren die Verzierungen und Gefäßformen so sehr, dass hier eine zeitliche Tiefe erkennbar ist? Auf diese Weise können wir u.a. Rückschlüsse über die Nutzungsdauer des Ganggrabes von Ahlen-Falkenberg ziehen.

Beispiele für bereits geklebte Gefäßteile.

Zusätzlich ist es möglich, die ermittelten Gefäßtypen mit bekannten Gefäßen aus anderen Großsteingräbern im Elbe-Weser-Dreieck zu vergleichen und zu schauen, ob diese sich ähneln. So können möglichweise regionale und überregionale Stile herausgestellt werden, die auf kleinere Gemeinschaften und großräumige Vernetzungen schließen lassen.