Der erste Spatenstich ist getan

Heute haben wir unsere Ausgrabungen am Ganggrab von Wanna, FStNr. 1591 wieder aufgenommen. Begleitet von viel Regen konnte die Hälfte der Grabungsfläche mit einem Bagger bereits ausgehoben werden, wobei die erste Überraschung zu Tage trat. Unmittelbar an der Grabkammer fand sich der nordöstliche Deckstein, der vermutlich beim Anlegen des Drainagegrabens vor 100 Jahren hierhin verlagert wurde. Somit ist die Grabkammerabdeckung nun vollständig und kann durch Fotoaufnahmen zur 3D-Modellierung rekonstruiert werden.

Im Rahmen des Projektes „Zwischen den FlĂĽssen und gegen den Strom“ wollen wir das GroĂźsteingrab weitestgehend vollständig untersuchen. Dazu sind zwei Sommergrabungen von je acht Wochen vorgesehen. In diesem Jahr untersuchen wir die Grabkammer sowie den nördlichen Bereich nach Deponierungen. Unsere Grabungsmanschaft besteht dabei aus drei Mitarbeitern des NIhK sowie Studierenden der Universiäten und Fachhochschulen Oldenburg, Leiden, Deventer und Groningen, sowie einem Ehrenamtler.

Ein steinzeitlicher Treffpunkt? – Ăśberlegungen zum „Steinhaufen“

Im Zuge geomagnetischer Messungen entdeckten wir 2019 eine im Durchmesser 6 m groĂźe Anomalie, die sĂĽdlich des Kleinen Ahlen vollständig vom Moor abgedeckt verborgen lag. Nach einer ersten Untersuchung im selben Jahr war zunächst ein massiver „Steinhaufen“ erkennbar, der sich 2021 als ein einmaliger Grabungsbefund entpuppte. Das Zentrum bildet ein enormer Findling von etwa 18t, der in der letzten Eiszeit hier abgelagert wurde. Dieser war unmittelbar drum herum von größeren Steinen umfasst, ein weiterer Steinkreis befand sich etwa in knapp 1m Abstand dazu. Im Osten und Westen weist der Steinkreis Ă–ffnungen auf, die durch größere Steine markiert sind. An der Ostseite des zentralen Findlings war zudem eine einzelne Steinplatte aufrecht gestellt, davor befand sich eine halbrunde Steinpackung, die eine flache Grube ĂĽberdeckte. Zu guter Letzt war auĂźerhalb des Steinkreises noch ein Steinpflaster von etwa 1,2 m Breite verlegt worden. FĂĽr diese komplexe Baustruktur liegen aus dem nordeuropäischen Raum keine Vergleiche vor. Eine zeitliche Einordnung lässt sich anhand einer geborgenen Pfeilspitze und 14-C-Datierungen in das Spätneolithikum um 1900 v. Chr. vornehmen.

Doch was hat es mit dieser Konstruktion überhaupt auf sich? Da Vergleiche fehlen öffnet sich hier ein breiter Interpretationsraum. Abgesehen von einigen wenigen Scherben, die auf dem Findling geborgen wurden, deuten die Befunde zunächst nicht auf eine Grabanlage hin. Bei den nach Osten und Westen hin liegenden Durchgängen entsteht die Idee, dass die Anlage möglicherweise mit astronomischen Konstellationen in Zusammenhang steht. Berechnungen dazu haben jedoch keine eindeutigen Ergebnisse erbracht. Somit bleiben profane Interpretationsansätze, die wirtschaftliche und/oder gesellschaftliche Aktivitäten umfassen. Nicht auszuschließen wäre dabei eine Nutzung als Verarbeitungsplatz, wobei Nachweise von Produktionsabfällen fehlen. Am sinnvollsten erscheint uns derzeit die Idee, dass der Ort als Treffpunkt bzw. Veranstaltungsort gedient haben könnte. In der vorausgegangenen Trichterbecherkultur zählten Großsteingräber und Erdwerke als Orte für Praktiken, durch welche die gemeinschaftliche und kulturelle Bindung gestärkt wurde. Sie dienten als Orte der Erinnerung. Möglicherweise lässt sich hier auch die besondere Anlage einordnen. Die Nutzung kann dabei nur wenige Jahrhunderte umfasst haben, bereits in der Frühbronzezeit setzte die Vermoorung ein, in dessen Zuge die Konstruktion spätestens mit Steinen abgedeckt wurde.

Laservermessung von Großsteingräbern

Bereits kurz vor Ostern waren wir zusammen mit Studierenden zu Vermessungsarbeiten in Ahlen-Falkenberg. Die Aufnahmen entstanden im Rahmen der Projekt-Veranstaltung „3D-Photogrammetrie“ am Institut für Angewandte Photogrammetrie und Geoinformatik (IAPG) der Jade Hochschule in Oldenburg und in Kooperation mit dem NIhK. Die Studierenden führten dabei unter der Betreuung von Prof. Till Sieberth Laserscans sowie Fotoaufnahmen für eine 3D-Modellierung an drei Großsteingräbern durch. Sie hatten dadurch die Möglichkeit erstmals Erfahrungen im Umgang mit archäologischen Bodendenkmalen zu sammeln. Ziel der Arbeiten ist es eine visuelle Darstellung und Dokumentation des jetzigen Zustandes der Großsteingräber zu erhalten. Anhand dessen sollen u.a. Berechnungen zu den Volumina der Decksteine erfolgen.

An vielen Gräbern im Elbe-Weser-Dreieck lässt sich beobachten, dass die Ganggräber zumeist einen Deckstein aufweisen, der sich durch seine Größe von den anderen abhebt. Häufig liegt dieser im Westen der Decksteinreihe. Zusammen mit den jetztigen Aufnahmen und den Modellierungen der bereits untersuchten Gräber im Rahmen des Projektes „Relikte im Moor“ lässt sich diese Beobachtung nach Vorlage der Ergebnisse zumindest fĂĽr fast die Hälfte der im Ahlen-Falkenberger Moor bekannten Ganggräber prĂĽfen.  

Infoveranstaltung im MoorIZ am 05.06.2025

Wie angekĂĽndigt werden wir unsere Infoveranstaltungen im MoorIZ in Ahlen-Falkenberg wieder aufnehmen. Der erste Termin ist fĂĽr den 05.06.2025 um 18 Uhr festgesetzt, Einlass ist ab 17:30. Dabei geht es um die Vorstellung des neuen Projektes „Zwischen den FlĂĽssen und gegen den Strom„, was wir vorhaben, welche Arbeiten geplant sind und was in der Anlaufphase bereits alles passiert ist. Wir freuen uns auf Sie.

Die trichterbecherzeitliche Siedlung im Ahlen-Falkenberger Moor

So lange das aktuelle Projekt Fahrt aufnimmt und bevor die ersten Feldarbeiten starten, möchten wir die Gelegenheit nutzen um die Ergebnisse der letzten Untersuchungen vorzustellen. Heute starten wir mit der Siedlung.

Im Sommer 2021 wurden mehrere Grabungsschnitte auf einer heute vom Moor überdeckten Geländekuppe angelegt, nachdem zuvor Bohrungen Spuren der Trichterbecherkultur an dieser Stelle vermuten ließen. Zu Tage kam dabei eine bis zu 25 cm mächtige Kulturschicht, eine mit Funden angereicherte Bodenschicht, die unmittelbar unter dem Torf lag. Durch Bohrungen konnte belegt werden, dass sich diese über eine Fläche von 6 ha erstreckt. Die umfangreichen, z.T. verzierten Kermikscherben, mehrere geschliffene Beilbruchstücke sowie eine querschneidige Pfeilspitze aus Feuerstein waren die Bestätigung, dass es sich hier um einen Bereich handelt, der intensiv von der Trichterbecherkultur genutzt wurde. Aus der Kulturschicht stammen auch mehrere gebrannte Getreidekörner von Gerste und Weizen, die mittels 14C-Datierung eine Nutzung zwischen 3300-3000 v.Chr. ergaben.

Auch wenn innerhalb der Ausgrabungsschnitte kaum Befunde entdeckt werden konnten, die auf eine Bebauung des Areals z.B. mit Häusern schließen lassen, so spricht schon allein die mächtige Kulturschicht und die darin eingeschlossenen Funde für einen Siedlungsbereich. Als besonderer Fund ist dabei das Halbfabrikat eines Bernsteinbruchstücks anzusehen, das Bohrungen von zwei Seiten aufweist, die sich jedoch mittig nicht ganz getroffen haben. Es deutet darauf hin, dass hier auch handwerklich spezialisiert gearbeitet wurde. Der Fundplatz selbst lag vor 5000 Jahren unmittelbar an der frisch gefluteten Ahlenrönne und nur wenige hundert Meter von der Nordsee entfernt. Den Bewohnern bot sich demnach eine reiche Auswahl an Ressourcen zur Sicherung der Lebensgrundlage, die neben dem Ackerbau und der Viehzucht genutzt werden konnten.

Die Siedlung von Ahlen-Falkenberg befindet sich südlich der Ahlenrönne und damit räumlich getrennt von den dreizehn bekannten Großsteingräbern in diesem Raum, die sich nördlich erstrecken. Diese Grenze zwischen Bestattungs- und Siedlungsbereich ist für die Trichterbecherkultur nicht selten und konnte beispielsweise auch im Oldenburger Graben, Schleswig-Holstein oder Haldenslebener Forst, Sachsen-Anhalt beobachtet werden. Zum jetztigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass durch Sedimentationsprozessen die Verbindung der Ahlenrönne zur Nordsee um 3000 v. Chr. verlorgenging und somit die Siedlung wahrscheinlich aufgegeben wurde. Eine Vernässung der Geländekuppen setzte erst 1000 Jahre später ein.

Wer mehr zu den umfangreichen Ergebnissen und Überlegungen zur Siedlung von Ahlen-Falkenberg erfahren möchte, kann im vor kurzem publizierten und online frei zugänglichen Artikel zur Grabung nachlesen.

Erste Termine

Der Grabungszeitraum fĂĽr die erste Ausgrabungskampagne am GroĂźsteingrab FStNr. 1591 ist festgelegt. Vom 7.7. – 29.8.2025 werden wir etwa als 10 Personen starke Truppe einen ersten Bereich des Ganggrabes freilegen. Wie immer werden regelmäßig FĂĽhrungen angeboten und wir freuen uns auf ihr Interesse. Wer sich vorab schon mal zum Projekt und den bisherigen Arbeiten informieren möchte, hat dazu am 15.4.2025 in Bremerhaven die Gelegenheit. Weitere Infoveranstaltungen im gewohnten Rahmen am MoorIZ in Ahlen-Falkenberg sind in Planung und noch vor der Grabung vorgesehen.

„Zwischen den FlĂĽssen“ – Die Forschungen gehen weiter

Das neue Jahr hat begonnen und dank der erneuten Projektbewilligung dĂĽrfen wir fĂĽr weitere drei Jahre (2025-2027) in Ahlen-Falkenberg forschen. Im Gegensatz zum letzten Projekt steht diesmal ein GroĂźsteingrab im Fokus der Geländearbeiten – Wanna 1591. In den kommenden zwei Sommern soll diese Anlage vollständig freigelegt und in weiten Teilen ausgegraben werden. Dabei ist das Ziel den Aufbau und die zeitliche Nutzung des Grabes zu erfassen, wofĂĽr u.a. umfangreiche Datierungen vorgenommen werden sollen. Weiterhin sind Lipidanalysen (Speisefette) am keramischen Fundmaterial geplant, die Aufschluss ĂĽber die Nutzung der Gefäße, sowie auf die Lebensweise der trichterbecherzeitlichen Bevölkerung geben. Zudem sollen erstmals in Niedersachsen an einem GroĂźsteingrab DNA-Proben aus dem Bodensubstrat der Grabkammer entnommen und analysiert werden. Aufgrund der schlechten Knochenerhaltung auf den sandigen Geestböden Niedersachsens sind gewöhnliche Beprobungen von Knochenmaterial nicht möglich.

Neben den Untersuchungen am Großsteingrab wird auch das Umfeld großflächig freigelegt, um Aktivitäten zu erfassen, die mit der Nutzung des Grabes zusammen hängen könnten. Möglich wären dabei Gefäßdeponierungen oder sonstige Gruben, wie sie auch von anderen Großsteingräbern der Trichterbecherkultur bekannt sind.

Abschließend gilt es einen kleineren Dolmen nördlich von Ahlen-Falkenberg als Referenz zu den Ganggräbern durch zwei kleine Grabungsschnitte unter die Lupe zu nehmen. Hier hier steht die Architektur sowie die Datierung der Anlage im Vordergrund.

Die Feldarbeiten in diesem Projekt beginnen im Sommer 2025 mit einer acht-wöchigen Grabungskamapgne. Wie immer werden Führungen vor Ort angeboten, vorab soll es auch wieder Info-Veranstaltungen im MoorIZ geben. Alle Termine stellen wir online sobald bekannt. Wir freuen uns auf rege Teilnahme, Interesse sowie viele bekannte Gesichter und wünschen allen ein frohes und gesundes Jahr 2025!

Publikationsalarm: Alles zur Siedlung unter dem Moor

Pünktlich zum neuen Jahr ist nun auch der Artikel zu unseren Untersuchungen der trichterbecherzeitlichen Siedlung südlich der Ahlenrönne erschienen. Er ist open access im Journal of Neolithic Archaeology erschienen:

https://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/1453

Mennenga, M., Behrens, A., Wolters, S., SiegmĂĽller, A., Frederiks, P. L. u. Karle, M. 2024: Under the bog for thousands of years – a new Funnel Beaker settlement near Wanna, Germany. Journal of Neolithic Archaeology 26, 165–194. https://doi.org/10.12766/jna.2024.7.

Es geht weiter!

Im vergangenen Herbst haben wir einen Antrag gestellt um die Untersuchungen in Wanna fortzuführen. Nun haben wir die Bewilligung bekommen und freuen uns darüber, dass wir im Rahmen von zukunft.niedersachsen weitere drei Jahre forschen dürfen. Dabei steht eines der Megalithgräber in Wanna im Fokus, aber auch eines auf der Geest. Wir werden hier zusammen mit der Universität Kiel erstmals überhaupt versuchen DNA-Spuren der steinzeitlichen Menschen aus dem Sand unter den Grabkammern zu gewinnen. Außerdem werden wir auch über das Moor hinaus schauen und die Großsteingräber des nördlichen Elbe-Weser-Dreiecks genauer unter die Lupe nehmen. Sie sind der Schlüssel zu der Frage wo die ersten Bauern dieser Region oder zumindest die Idee der Landwirtschaft eigentlich hergekommen ist.