Ausgraben im Moor – ein Beitrag zur Methodik

Wenn man so hört, dass Ausgrabungen im Moor durchgeführt werden, denkt man oft an Morast, Stecken bleiben und viel Aufwand. Tatsächlich erweisen sich die Untersuchungen im Ahlen-Falkenberger Moor aufgrund der trockenen Sommer bislang als recht unkompliziert, sofern man sich an den Jahreszeiten orientiert. Die abgesackten Torfschichten erlauben ein einfaches Arbeiten mit Schaufel und Spaten. Im Sommer und Herbst konnten sogar tiefgreifende Baggerarbeiten von bis zu 1,5 m Tiefe durchgeführt werden. Erst ab ca. 1,2 m Tiefe kommt etwas Wasser, das aus den Torfen heraussickert und ein erweitertes grabungstechnisches Know-how verlangt. Um das Wasser abzuleiten werden zum einen in den Ecken tiefere Schächte angelegt, in denen sich das Wasser sammeln und abgepumpt werden kann. Im Bereich der Grabkammer muss aber auf ein sensibleres Verfahren zurückgegriffen werden – in Form einer lokalen Grundwasserabsenkung, welche als einzelne Metallstange eingetrieben wird.

Im Gegensatz zu den Ausgrabungen finden die geomagnetischen Prospektionen im ganzen Jahr statt. Hier sind wir darauf angewiesen, dass die Witterung trocken bleibt, ansonsten werden die Wiesen schnell unpassierbar.

Von der Scherbe zum 3D-Modell

Das fertige 3D-Modell des Gefäßes aus der Grabkammer

Bei den Ausgrabungen haben wir einige besondere Fundstücke gemacht. Am Beispiel eines Keramikgefäßes aus der Grabkammer zeigen wir noch einmal, welche Stationen die Funde vom Finden bis zur Archivierung oder Ausstellung durchlaufen. Als erstes werden die Funde natürlich entdeckt und die genaue Position vermerkt und sie auch an dieser Stelle (in situ) zentimetergenau eingemessen und dokumentiert. Es wird dann versucht das Gefäß im Ganzen (im Block) zu bergen, was aber nicht in allen Fällen möglich ist. In diesem Falle werden die Scherben möglichst zusammenhängend und vorsichtig freipräpariert und entnommen und dann auf schnellstem Wege in die Restaurierungswerkstatt gebracht. Dort werden sie dann gewaschen, unter Umständen gefestigt und wieder zusammengesetzt. So wird das Gefäß wieder hergestellt und inventarisiert. Nun folgt die Fotosession beim Fotografen in der klassischen Ansichtsaufnahme, aber auch ganze Serien von Bildern werden gemacht, die das Gefäß vollständig abdecken. Daraus kann ein 3D Modell berechnet werden, so dass das Objekt nicht bei jedem Arbeitsschritt wieder aus der Kiste geholt werden muss, sonder esauch virtuell betrachtet werden kann.

Niedergelegt für die Toten – die Beigaben aus dem Grabengrab

Das gut erhaltene Ganggrab im Drainagegraben bei Ahlen-Falkenberg reiht sich architektonisch in den ortstypischen Baustil ein. Neben der O-W-Ausrichtung und der umgebenden Rollsteinpackung besaß es einst vier Decksteine. Beim Anlegen des Grabes muss einer erntfernt worden sein – heute hat es nur noch drei Decksteine. Für uns ist das angesichts der Störung dann doch auch wieder ein glücklicher Umstand, denn so könnten wir die Grabkammer in diesem Bereich untersuchen. In der 2 m x 1,5 m freien Flächen galt es dann zunächst sechs Lagen Steine zu dokumentieren und herauszuwuchten, die beim Entfernen des Decksteins vermutlich in den Kammerraum gestürzt waren. In ca. 1,1 m Tiefe folgte dann der Bestattungshorizont. Eingebettet in einer Sandschicht befanden sich auf dem unebenen Kammerboden die Funde. Im Norden konnte ein Keramikgefäß mit Winkelbandverzierung fast vollständig geborgen werden. Das Gefäß war von einer Steinplatte abgedeckt gewesen, vereinzelte Scherben lagen im südlichen Kammerraum verstreut. Aus der Umgebung stammen drei Bernsteinperlen sowie drei Querschneider, die vermutlich dort zusammen niedergelgt worden waren. Im nördlichen Bereich der Grabkammer fanden sich außerdem zwei Feuersteinbeile und vereinzelte Keramikscherben. Insgesamt schient der Bestattungshorizont ungestört und durch die Sandschicht verschlossen worden zu sein.

Ehrung oder Unterschlupf ? – spätbronzezeitliche Gefäße am Großsteingrab

Am Wiesengrab machten wir in der letzten Grabungswoche eine spannende Entdeckung. Zwischen den zwei östlichen Decksteinen, die beide verkippt daliegen, konnten wir Keramikscherben aus der Spätbronzezeit freilegen. Die drei erkennbaren Gefäße lagen auf der Seite und waren durch das darüberliegende Moor im Laufe der Jahrhunderte zerdrückt worden. Um die Scherben befanden sich mehrere Hölzer und Rindenstücke, die teilweise eine gleichmäßige Ausrichtung aufwiesen – als wenn sie einst eine Konstruktion gebildet hätten.

Hölzer und Keramikscherben zwischen den zwei östlichen Decksteinen vom Wiesengrab. Auf dem hellen oberen Stein liegt ein weiteres, stark vergangenes Gefäß.

Zum Zeitpunkt der Platzierung war das Großsteingrab größtenteils vom Moor zugewachsen. Nur die oberen Spitzen der Trägersteine und der Rollsteineinfassung sowie die Decksteine waren noch sichtbar. Wurden nun die Gefäße gezielt hier niedergelegt, um den verschwindenen Grabstätten eine letzte Ehrung dazubieten? Oder bezeugen diese Funde eine Mahlzeit, bei der die großen Decksteine Schutz im flachen Gelände boten? Nach derzeitigem Stand sprechen mehrere Indizien gegen das zweite Szenario. So fehlen Feuerspuren an den Hölzern und es ist auch verwunderlich, dass die Gefäße nach dem Verweilen hier zurückgelassen wurden. Hingegen ist die Nutzung von Großsteingräbern durch nachfolgende Kulturen als Bestattungsplatz oder für rituelle Aktivitäten vielfach nachgewiesen. In den Grabkammern Norddeutschlands konnten Funde und Skelette aus neolithischer Zeit und Brandbestattungen aus der darauffolgenden Bronzezeit entdeckt werden. Außerhalb der Kammern – beispielsweise am Hügelfuß, am Langbett, oder auch auf den Hügeln aus Stein und Sand – sind Gefäßniederlegungen der Trichterbecherkultur und aus jüngerer Zeit bekannt. Sogar in der Slawenzeit vor etwa 1000 Jahren wurden noch Urnen in den Grabhügeln von Großsteingräbern eingebettet. Sie alle bezeugen eine bestehende rituelle Wirkung der Anlagen über Jahrtausende, die bei vereinzelten Kulturgruppen in unterschiedlicher Zeit gegenwärtig war und in die jeweilige Bestattungslandschaft mit einbezogen wurde. So scheint es auch in Ahlen-Falkenberg zur Spätbronzezeit um etwa 1000 v. Chr. gewesen zu sein.

Wir sagen Tschüss bis zum nächsten Jahr!

Die vier Wochen Ausgrabung waren ruck zuck vorbei. Wir haben zwei Großsteingräber teilweise freigelegt und dabei einen Eingang untersucht sowie einen Grabkammerbereich. Zusätzlich legten wir einen Sondageschnitt zwischen den Anlagen an. Die Ergebnisse übertreffen unsere Erwartungen bei weitem – es war eine sehr erfolgreiche Saison für das Projekt mit interessanten architektonischen Elementen und fantastischen Funden. Das alles wäre ohne unser engagierte Grabungsteam nicht möglich gewesen. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei allen für die tolle Arbeit bedanken!

Das Grabungsteam 2020: Von links nach rechts – unten: P. Frederiks, J. Lühmann, M. Baumann, R. Baumgartner. Oben: A. Behrens, D. Dallaserra, N. Krüger, K. Wordtmann, V. Collins und B. Wolf.

In den kommenden Wochen stellen wir weitere Beiträge zu den gelaufenen Ausgrabungen online und informieren über die fortlaufenden Arbeiten. Im kommenden Sommer ist eine abschließende achtwöchige Kampagne geplant.

Bohren mit ganz großem Gerät

Letzte Woche war es dann soweit. Nachdem der ursprünglich geplante Bohrtermin im März aus corona-bedingten Gründen verschoben werden musste, fand sich während der Grabungskampagne im September eine neue Gelegenheit, den besonders tiefen Untergrund im Norden des Untersuchungsgebietes zu erforschen. In diesen Flächen nördlich des Großen und Kleinen Ahlens konnten wir bei den magnetischen Messungen feststellen, dass wir es mit einer ehemaligen Küste zu tun haben. Die Firma Royal Eijkelkamp Soil and Water aus Giesbeek/Niederlande, ein Spezialanbieter für Bohrtechnik, stellte dafür ihren auf einer Raupe montierten Vibrationsbohrer samt Crew zur Verfügung. Aufgrund des trockenen Sommers erwies sich die Mooroberfläche als tragfähig für das fast 12 t schwere Bohrgerät und es konnten 6 m Torf und Klei erbohrt werden, bis der eiszeitliche Sand erreicht war. Der nördliche Teil des Gebietes, das Emmelke Tal, ist für die Untersuchungen von besonderem Interesse, da hier zur Zeit der steinzeitlichen Besiedlung ein direkter Kontakt zur Nordsee gegeben war. Dank der großen Bohrtechnik stehen den Geologen und Botanikern nun Bohrkerne mit 10 cm Durchmesser zur Verfügung, um die Landschaftsveränderungen an diesem früheren Meeresarm besser zu verstehen.

Der Gang zu den Toten

Wie im letzten Jahr untersuchen wir derzeit an einem Großsteingrab den Eingangsbereich, in dem wir diesen zur Hälfte ausgraben. Letztes Mal fanden sich auf dem Bodenpflaster zahlreiche Keramikscherben, die die mehrfache Nutzung und Ausräumung der Anlage bezeugen. Interessanterweise war der Eingang intentionell mit Steinen verschlossen worden, vermutlich bereits zur Zeit der Trichterbecherkultur. Bei den jetzigen Untersuchungen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. In den obersten Abträgen lag der Eingang voll gepackt mit Steinen, der hier nur ein Trägersteinpaar aufweist. Im weiteren Arbeitsverlauf zeigt sich jedoch, dass die meisten Steine von der angrenzenden Rollsteinpackung stammen. Diese sind reingefallen, als das einst gebaute zweite Trägersteinpaar entfernt wurde. Auch die Decksteine des Eingangs fehlen. Ob diese massiven Findlinge bereits im Neolithikum versetzt wurden oder in nachfolgender Zeit, muss soweit noch offen bleiben.

Interessant sind auch die Bereiche vor dem Eingang. Altgrabungen in verschiedensten Regionen Norddeutschlands haben gezeigt, dass hier häufig sowohl Gruben für ausgeräumte Beigaben als auch solche für rituelle Aktivitäten anzutreffen sind. Umfassende Untersuchungen hierzu fehlen allerdings. Im kommenden Jahr wollen wir die Gelegenheit nutzen, um den Eingangsbereich eines Großsteingrabes großflächig freizulegen. Hierdurch können Fragen zu Nutzungsphasen und weitreichendere Bestattungssitten beleuchtet werden.

Einen ersten zufälligen Einblick haben wir aber bereits letzte Woche erhalten, als vor dem Eingang des Wiesengrabes ein Feuersteinbeil zu Tage kam. Das Artefakt lag am Rand einer kleinen Schüttung von Feuersteinen und scheint dort intentionell platziert worden zu sein. Weiteren Aufschluss werden wir durch die weiterführenden Arbeiten in dieser Woche erhalten. Vom Typ her handelt es sich um ein dünnackiges Beil des Mittelneolithikums.

Vor dem Eingang des Wiesengrabes gefundenes Flachbeil der Trichterbecherkultur.

Die Leere zwischen den Gräbern?

Seit drei Wochen untersuchen wir nun zwei Ganggräber der Trichterbecherkultur und erfahren immer mehr über die einstigen Bestattungssitten. Doch wie sieht es mit den Bereichen zwischen den stellenweise mehr als 400 m auseinanderliegenden Grabstätten aus? Fanden hier auch Rituale statt? Wurde dort gesiedelt, oder entnahmen die Grabbauer hier das Material für die Monumente?

Lage des Schnittes zur Prüfung von menschlichen Aktivitäten zur Zeit der Nutzung der benachbarten Großsteingräber.

Um dies zu klären, haben wir einen Suchschnitt angelegt. Bei den Bohrungen zeichneten sich in diesem Bereich ungewöhnliche Schichfolgen ab. Mittlerweile konnten wir feststellen, dass hier mehrere Ereignisse stattgefunden haben. So wurde an dieser Stelle einst Sand abgegraben, bevor das Moor gewachsen ist. Zudem deuten mehrere darunter liegende Verfärbungen auf weitere Aktivitäten hin, die sich jedoch aufgrund von Bodenverlagerungsprozessen noch nicht befriedigend interpretieren lassen. Bodenkundliche Analysen und weitere Ausgrabungen sollen hier Abhilfe schaffen.

Pollenprofile für die Landschaftsentwicklung

Zur Zeit laufen die Ausgrabungen in Ahlen-Falkenberg an zwei Ganggräbern der Trichterbecherkultur. Neben den archäologischen Fragestellungen geht es uns im Projekt zudem um die landschaftliche Entwicklung. Wie sah die Umgebung zur Zeit der Trichterbecherkultur aus? Wie lange waren die Gräber begeh- und nutzbar? Wann wurde es feucht und wann begann das Moor am Grab zu wachsen? Um diese Fragen beantworten zu können, nimmt unser Botaniker Steffen Wolters derzeit Pollenprofile am Fuße der Gräber. Im Labor werden die botanischen Reste in den einzelnen Schichten bestimmt und stellenweise datiert.

Das Pollenprofil wird direkt am Fuß der Steinpackung entnommen.

Das besterhaltenste Grab von Ahlen-Falkenberg

Die trichterbecherzeitlichen Gräber von Ahlen-Falkenberg liegen sowohl auf den Gestinseln des Großen und Kleinen Ahlen, oder schauen bereits obertägig, wenn z.T. auch nur minimal, aus den Wiesen der Moorflächen heraus. Die meisten weisen umfangreiche Eingriffe und Störungen auf. Eines jedoch liegt direkt in einem Drainagegraben, ca. 30 cm unterhalb der Oberfläche. Dieses Grab legen wir seit zwei Wochen frei, wobei es sich als die bislang besterhaltenste Anlage entpuppt hat. Obwohl ein Deckstein bereits fehlt, der vermutlich beim Anlegen des Grabens entfernt wurde, sind umfangreiche Architekturelemente erhalten. So ist es das einzige Grab mit einem erhaltenen Deckstein über dem Eingang. Auch die schützende Rollsteinpackung, die auch hier wieder gebaut wurde, weist viele Details auf, die bei den anderen bislang untersuchten Anlagen nicht mehr erhalten sind. U.a. reicht die Steinpackung bis auf die Decksteine – ein einmaliger Beweis dieser Konstruktion. Zudem scheinen die Lücken zwischen Deck- und Trägerstein zusätzlich mit kleinen Rollstein geschlossen worden zu sein. In den kommenden Tagen gehen die Untersuchungen weiter und wir hoffen auf weitere spannende Erkenntnisse.

Das Ganggrab im Drainagegraben von Ahlen-Falkenberg mit freigelegter Rollsteinpackung. Zu erkennen sind zudem die drei noch erhaltenen Decksteine.